„WER WENN NICHT WIR?“ Zur Ästhetik der 68´ - Workshop mit Mirjam Schaub

Radikale Gemengelagen, unreine Praktiken, beschädigte Theorien. Warum gingen im Mai 1970 die teilzeitradikale 'Spaß-guerilla' und die 24-Stunden-Radikalität der 'Stadtguerilla' unwiderbringlich getrennte Wege? Die Antwort liegt vielleicht weniger in der Praxis der Selbstermächtigung oder ihren Avantgarde-Anspruch, als in der Frage, welcher Anreiz von der Vorstellung des 'Ernst-Machens' der eigenen, radikalen Ideen ausging. Die Scham, wenn nicht sogar der Ekel der Intellektuellen vor sich selbst als 'tatenlosen Alleswissern', könnte als Motiv eine unglückliche Rolle gespielt haben. Manche Konflikte, so erbittert sie auch sein mögen, überleben sich, noch während sie stattfinden – und existieren doch geisterhaft weiter, wie „Supertanker, welche noch ganze Meere durchqueren, obwohl die Maschinen längst abgestellt sind." (Martin Gessmann). Liegt hierin vielleicht auch der Grund für die rasante Entpolitisierung der Roten Armee Fraktion (RAF) im öffentlichen Bewusstsein, die um so vieles schneller stattfand als ihre mühsame, zähe Entwaffnung? Wieso ließen und lassen sich ausgerechnet kollektiv erlebte Politisierungen so rasch und umstandslos wieder in Individual-Psychologie auflösen? Ist die Radikalisierung selbst dafür der Grund – oder nur der Vorwand? Die Radikalität wirkt um so rätselhafter, als ein Großteil der Protagonisten zuvor in der 'Spaßguerilla' höchst erfolgreich agierte oder mit ihr assoziiert war. Was geschah zwischen dem Berliner Flugblattprozess und dem Frankfurter Brandstiftungsprozess? Warum wurde aus Spaß- plötzlich eine militante Stadtguerilla? Wieso gründeten ausgerechnet drei ehemalige Stipendiat_innen der Deutschen Studienstiftung die RAF? Wie nah kam Hans Magnus Enzensberger Ulrike Meinhof? 50 Jahre nach 1968 rückt mit dem Drama der Nähe zugleich die Radikalisierung als Absatzbewegung vom eigenen Milieu neu in den Fokus des Interesses. Radikalität ist mit dem Nimbus der Unkorrumpierbarkeit verbunden und hält damit offenbar ein attraktives Sinnangebot, ja, eine exemplarische 'Lebensform' bereit, die sich in den unterschiedlichsten Kulturen der Welt im Verein mit austauschbaren Idealen, Glaubenssätzen und Überzeugungen erschreckend großer Beliebtheit erfreut. Am Beispiel der 1968er lässt sich exemplarisch studieren, wie rasant schnell eine Radikalisierung erfolgen kann, welchen Dynamiken und Zufällen sie folgt; warum und wie Menschen, den eigenen Wankelmut durchaus antizipierend und anerkennend, Brücken abbrechen, um sicherzugehen, nicht wieder umkehren zu können. Es wirkt, als ob Radikalisierung buchstäblich jede und jeden treffen kann und durchaus für sensible Geister, nicht nur für Raubeine von großer Verführungskraft ist. 'Attraktiv' ist sie, trotz der hohen sozialen wie persönlichen Kosten, weil sie mit ihrem hohem Avantgarde-Bewusstsein für eine gehörige Portion „Distinktionsgewinn" (Pierre Bourdieu) sorgt. Rigorismus und Populismus, „Links-Faschismus" (Habermas) und künstlerischer Situationismus, 'Spaßguerilla' (Fritz Teufel) und 'Stadtguerilla' (Marighella) bilden im Fall der 1968er Paarungen und Überkreuzungen aus, die es, so meine These, von der 'Reinheit' der Theorie her eigentlich gar nicht geben dürfte. Jedenfalls nicht, solange Radikalität und Popkultur – wie gewöhnlich – als unvereinbare und einander abstoßende Kräfte oder Dispositionen begriffen werden. Anders als gedacht, lasen die sogenannten '68er' zumal an der federführenden FU Berlin – im Vergleich mit den deutschen Studierenden der 70er, 80er und 90er Jahre – übrigens erstaunlich selten und erstaunlich wenige Bücher von Adorno oder Horkheimer: dies, wie ich langsam begriff, aus gutem Grund. Ein gewisses Helden- und Heroen-Pathos überlebte in ihren so ganz anderen, existentialistischen Lektüren, welche, zumindest für den 'inner circle' der späteren RAF-Gründer_innen, die stilistisch wichtigere, theoretische Referenz blieb. Einzig Herbert Marcuse, der in West-Berlin eine Reihe von Gastvorlesungen hielt, mit seiner eher anthropologischen Lesart punktete (zeitweise) bei den aktivistischen Berlinern, ebenso wie Ernst Bloch – beim dem u.a. Bernward Vesper und wohl auch Gudrun Ensslin in Tübingen Seminare besuchten. War also ausgerechnet die theoretisch fundierte Abdichtung und Abschottung gegenüber aktivistischen und interventionistischen Lösungen durch die Vertreter der Kritischen Theorie, war gerade der Praxis-Vorbehalt der Kritischen Theorie einer der Gründe dafür, warum die Baader-Meinhof-Bande überhaupt meinte, sich radikalisieren zu müssen? Wer, wenn nicht wir?, heißt treffend eine spätere Verfilmung von Andres Veiel. Der Workshop versucht anhand neuer Archivfunde die sehr unterschiedlichen Motivlagen der frühen RAF Gründer_innen Mahler, Baader, Meinhof und Ensslin neu zu gewichten.
  • Datum
    26.September
  • Uhrzeit
    10-18
    Uhr
  • Alle Veranstaltungen finden im Conne Island statt. Die Teilnahme an den Workshops läuft über Voranmeldungen an foreveryoung(at)conne-island.de“
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