Deutschrap zwischen Subkultur und Industrie - Workshop mit Pöbel MC

Als völlig unbekannte*r Untergrundkünstler*in, ohne Hörer*innenschaft oder nennenswerte subkulturelle Verortung, bist du idealerweise nur der Vision deines künstlerischen Schaffens, der eigenen Kreativität und vielleicht maximal grundlegendsten moralischen Grundanschauungen verpflichtet. Mit zunehmender Bekanntheit und wirtschaftlicher Abhängigkeit von der künstlerischen Tätigkeit drängen sich jedoch neben den persönlichen Wünschen an die eigene Musik noch allerhand zusätzliche Anforderungen auf. Die alternative, linke Subkultur, von der ich wohl gleichermaßen ob meiner Inhalte als auch aufgrund der Zusammenarbeit mit WTG vereinnahmt werde, wünscht sich größten Teils Reflektiertheit im Sprachgebrauch, die “richtigen” politischen Themen samt moralisierender Haltung und einen bewusst betonten Bruch mit den kapitalistischen Idealen unserer Zeit, der Rapwelt und oder dem Staat. Der mindestens genauso anarchistisch motivierte Berliner Graffiti-Rapuntergrund samt Umfeld, der sich mir im Wesentlichen erst mit meiner Aktivität als Rapper erschlossen hat, will meist grenzüberschreitende, aggressive Texte und hedonistische Scheinasozialität, aber auch musikalische Innovation und Subversivität. In der Überlagerung dieser zum Teil gegensätzlichen künstlerischen Lebens- und Inspirationsumgebungen ergibt sich manchmal die paradoxe Situation, dass sich ein Teil der Personen die meiner Musik etwas abgewinnen können sich zu wünschen scheint, dass alles irgendwie (noch) etwas reflektierter, korrekter und politisch positionierter daherkommt, während sich ein anderer Teil fragt wieso alles (ihrer Vorstellung nach) so politisch korrekt gehalten ist und nicht (noch) mehr gefickt und rundherum vernünftig, raptypisch beleidigt und diskriminiert wird. Den einen zu prollig und grenzüberschreitend, den anderen zu moralisierend - damit in der Summe ja vielleicht auch wiederum ob der Ambiguität für viele interessant oder eben einfach real? In derartigen Spannungsfeldern der Kompatibilitätsgebote erscheint es mir vor allem wichtig, sich nicht in seiner Rezeption von sich und seiner Musik beeinflussen lassen. Aber ist das überhaupt möglich? Wer von Musik leben will muss gehört werden, braucht Auftritte und ein entsprechendes Publikum, braucht womöglich auch eine subkulturelle Identität und Anerkennung, muss sich also schon auch mit der Frage auseinandersetzen: Für wen habe ich bisher eigentlich Musik gemacht und was funktioniert wie gut und warum? Hinzu kommt, dass in Zeiten einer für den künstlerischen Erfolg fast zwingenden digitalen Selbstvermarktung, die zweifellos auch sehr viele Vorteile und Chancen bietet, eine ganzheitliche künstlerische Identität quasi täglich abgefragt und abgebildet wird. Diese Inhalte zwischen Authentizität, funktionaler Außendarstellung, getimten Statements und tatsächlicher Anteilnahme, Eigenwerbung usw. entsprechend zu gestalten, ist ein weiterer Teil der künstlerischen Arbeit der durch subkulturelle Anforderungen und allgemeine gesellschaftliche Erwartungen beeinflusst ist. Gleichzeitig bietet einem die überdurchschnittliche Reichweite die Möglichkeit allgemeine Vorstellungen und subkulturelle Inhalte mitzugestalten bzw. zu verhandeln. Dieses Setting des kreativen Arbeitens kombiniert sich oft im Zuge der weiteren Professionalisierung mit der Arbeit und den Ansprüchen von Institutionen der Musikindustrie, also im Wesentlichen Labels und Bookingagenturen. Die Zusammenarbeit mit Audiolith läuft diesbezüglich soweit sehr gut und bereichernd für beide Seiten. Mein künstlerisches Schaffen wird mit strukturellen als auch finanziellen Ressourcen unterstützt und dafür verdient das Label an meiner künstlerischen Arbeit mit. Direkte Einschränkungen der künstlerischen Freiheit, wie bei einigen Major-Label Deals, gibt es dabei kaum, obgleich natürlich das Selbstverständnis des Labels als auch z.B. die zeitliche Terminierung von eigentlich künstlerischen Arbeitsprozessen einschränkend empfunden werden können. Die über derartige Bookingagenturen und Labelarbeit realisierten Veranstaltungen und Möglichkeiten werden durchaus doppelseitig wahrgenommen. Auf der einen Seite bieten z.B. gut organisierte Live-Shows in linken Räumen, vor allem im Soli-Kontext das Potential die Strukturen finanziell abzusichern und damit andere, auch politische oder weniger kommerziell einträgliche Aktivitäten zu ermöglichen. Auf der anderen Seite birgt eine breitere professionelle, kommerzielle Vermarktung linker Ideen und Inhalte auch die Gefahr der Verwässerung bis Negierung dieser. Welche Chancen in diesem lose umrissene Spannungsfeld der musikalischen, kreativen Arbeit im linken subkulturellen Raum genutzt werden können und was vielleicht in Zukunft besser gemacht werden könnte, soll Gegenstand des weiteren Nachdenkens sein.
  • Datum
    17.Oktober
  • Uhrzeit
    10-18
    Uhr
  • Alle Veranstaltungen finden im Conne Island statt. Die Teilnahme an den Workshops läuft über Voranmeldungen an foreveryoung(at)conne-island.de“
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